Gebügelte Irrtümer
Hier spricht das Abweichungskomitee
Alexandra
7/10/20265 min read


Wer hat eigentlich entschieden, dass Tischdecken Erwachsenwerden bedeuten?
Heute Morgen habe ich beschlossen, die Dinge ein kleines bisschen anders zu machen.
Nicht weltbewegend anders. Ich habe weder meine Steuererklärung auf essbarem Papier eingereicht noch bin ich mit einer Trommel durch den Ort gezogen, um das Patriarchat aus den Vorgärten zu vertreiben. Ich bin nur mit Hopsasa Gassi gegangen. Also nicht gegangen im klassischen Sinne, eher gehopst. Albern und ein bisschen kindisch.
Mit Hund war das völlig okay.
Das ist eine der großen stillen Sondergenehmigungen im menschlichen Zusammenleben: Sobald ein Hund neben dir läuft, darfst du Dinge tun, für die man dich allein vermutlich vorsichtig beobachten würde. Man darf stehen bleiben und minutenlang ein Blatt kommentieren, weil der Hund es interessant findet. Man darf in einer viel zu hohen Stimme „Na, wer ist denn da?“ sagen, obwohl es klar ist, da eindeutig nur ein Hund steht und kein lange verschollener Onkel aus Mecklenburg-Vorpommern. Man darf rückwärts gehen, locken, hüpfen, klatschen, sich auf einer Wiese zum Trottel machen und alle denken: Ach, wie süüüß, die spielt mit dem Hund.
Ohne Hund wäre die Szene eine andere.
Wenn ich allein über denselben Gehweg gehopst wäre, hätte wahrscheinlich irgendwo eine Gardine gezuckt. Nicht weit, nur dieses kleine Stück, das reicht, damit ein Auge durchpasst. Und dieses Auge hätte nicht gedacht: „Aha. Jetzt ist es also so weit.“
Interessant – nicht wahr?
Nicht das Hüpfen ist offenbar das Problem. Das Hüpfen braucht nur eine Begründung namens Hund. Somit erlaubt. Genauso wie ein Junggesellinnenabschied mit Plastikdiadem.
Das Thema hat mich so getriggert, dass ich es im MyMorningClub in die Runde geworfen habe. Nicht, was ist richtig oder falsch, sondern auch wann ist etwas richtig oder falsch?
Und ich merke immer mehr, wie dünn diese Grenze oft ist. Nicht bei den großen Dingen. oder bei Gemeinheit, Gewalt, Betrug oder Rücksichtslosigkeit. Da brauchen wir gar nicht so tun, als sei alles eine Frage der Perspektive. Aber bei den alltäglichen Dingen, bei Kleidung, Verhalten, Feierlichkeiten, Auftreten, Geschmack und Lebensart, da ist „richtig“ oft nur ein anderes Wort für: So kennen wir dich. Und „falsch“ heißt: So haben wir dich nicht bestellt.
Mode ist dafür ein wunderbares Versuchslabor.
Wenn ein Künstler in einem Kimono auftaucht, ist das ein Look. Vielleicht sogar ein Statement. Dann steht er da, leicht verwuschelt, mit irgendeinem Schal, der vermutlich mehr kostet als meine erste Waschmaschine, und alle nicken innerlich: Ja, klar, Künstler. Der darf das. Der hat wahrscheinlich auch eine Lampe aus Treibholz und trinkt im Schneidersitz Tee.
Wenn ich im Kimono auf einer normalen Geburtstagsfeier auftauche, wird es komplizierter. Dann heißt es nicht: „Was für ein schöner Stoff.“ Dann kommt erst mal gar nichts. Das ist das Gefährliche. Dieses kleine Nichts, in dem Menschen ihre Apothekerschrankschubladen aufreißen. Zu viel? Will sie auffallen? Hat sie eine Phase? Hat sie was genommen? Und dann kommt irgendwann eine Frau mit einem Glas Aperol in der Hand und diesem Gesichtsausdruck, der aussieht wie Hilfsbereitschaft, aber eigentlich ein Tatortreiniger für soziale Abweichungen ist, und sagt: „Du siehst ja heute interessant aus.“
Interessant heißt selten einfach interessant. Interessant heißt: Ich weiß noch nicht, ob ich das mutig, peinlich oder behandlungsbedürftig finde.
Dabei ist der Kimono derselbe. Er verändert sich nicht, nur weil ihn eine andere Person trägt. Der Stoff bleibt Stoff. Nur die Erzählung der anderen kippt. Beim Künstler ist es Ausdruck. Bei der Steuerberaterin ist es ein Hilferuf. Bei der Nachbarin ist es Gesprächsstoff.
Das ist überhaupt ein eigenes Kapitel: Frauen sollen gepflegt sein, aber nicht eitel. Modisch, aber nicht auffällig. Weiblich, aber nicht zu sexy. Jung geblieben, aber nicht lächerlich. Souverän, aber nicht kühl. Locker, aber bitte mit passendem Schuhwerk.
Und wehe, man erwischt die falsche Dosierung. Ein roter Lippenstift kann je nach Raum und Publikum alles sein: elegant, billig, mutig, übertrieben, sinnlich oder „für den Vormittag aber ein bisschen viel“. Dieselbe Farbe, anderes Urteil.
Wir tun immer so, als hätten wir Geschmack. Oft haben wir nur Gewohnheit.
Das sieht man auch an Wohnungen. Bei manchen Menschen ist Minimalismus Ausdruck von Stil. Da steht dann ein einzelner Ast in einer Vase, die aussieht wie ein sehr teurer Unfall, und alle sagen: „Wie reduziert, wie klar.“ Wenn eine andere Person denselben leeren Tisch hat, heißt es: „Ziehst du aus?“
Bei den einen ist keine Deko ein ästhetisches Konzept. Bei den anderen ist keine Deko ein Versäumnis.
Im MyMorningClub erzählte dann eine Dame, ihr Mann werde sechzig und wolle zu seinem Geburtstag keine Tischdecken, keine Deko und keine Blumen. Ich musste sofort lachen, weil man allein an diesem Satz merkt, wie irgendwo in Deutschland eine innere Festtagsbeauftragte vom Stuhl fällt.
Da bekommt ein bestimmter Teil der Bevölkerung Schnappatmung. Nicht, weil irgendjemand ohne Tischdecke stirbt, sondern weil ein runder Geburtstag ohne Tischdeko sich für viele anfühlt wie ein sozialer Offenbarungseid. Als würde der Mann nicht sechzig werden, sondern öffentlich erklären: Mir ist alles egal, ich habe die Zivilisation verlassen und grille ab jetzt mit bloßen Händen auf einer umgedrehten Regentonne.
Vielleicht will ihr Mann aber einfach nur feiern, seine Leute sehen und nicht zwischen Organzaschleifen sitzen.
Aber auch hier geht es nicht um Tischdecken. Es geht um die Frage: Wer entscheidet eigentlich, wie ein sechzigster Geburtstag auszusehen hat?
Der Jubilar? Oder die geheime Kommission für Optik mit dem Motto „Das macht man aber so“?
Ich kenne diese Kommission. Sie hat weder Büro noch Telefonnummer, aber sie ist erstaunlich gut organisiert. Sie meldet sich, sobald jemand aus der Reihe tanzt. Sie prüft Kleiderlängen, Tischdekorationen, Kindererziehung, Gartengestaltung, Berufswahl, Haarfarben und die Frage, ob man zu einer Einladung „ordentlich“ kommt.
Eventuell sind wir aber auch deshalb so streng miteinander. Nicht, weil uns wirklich die Tischdecke interessiert oder der Kimono oder das Hüpfen auf dem Gehweg. Sondern weil jede Abweichung eine kleine Unruhe auslöst. Wenn sie das darf, was darf ich dann? Wenn jemand einfach anzieht, worauf er Lust hat, warum stehe ich seit Jahren vor dem Schrank und frage mich, was „man“ trägt?
Menschen verteidigen ihre Regeln oft am härtesten, wenn sie selbst darunter leiden.
Das ist wie bei diesen ungeschriebenen Kleidergesetzen. Eine Frau kommt in flachen Schuhen zu einer Veranstaltung, bei der andere sich auf Absätzen quälen, und irgendwer sagt garantiert: „Du hast es gut, du machst dir nichts draus.“ Was für ein Satz. Als wäre Bequemlichkeit ein Charakterfehler.
Oder Haare. Eine Frau lässt sich mit über fünfzig die Haare lang wachsen, und sofort wird innerlich begutachtet, ob das noch geht. Noch so ein Satz: „Kann man das noch tragen?“ Wer ist „man“?
Eine andere schneidet sie kurz, dann heißt es: „Praktisch.“ Praktisch heißt oft: Ich habe deine Weiblichkeit gerade amtlich abgemeldet, aber ich sage es freundlich.
Und wenn eine Frau graue Haare trägt? Bei ihr geht das. Auch so ein kleines Meisterwerk der sozialen Sondergenehmigung. Es heißt: Wir haben entschieden, dass diese Person von der Regel abweichen darf. Die andere aber nicht.
Wir lachen darüber, aber eigentlich ist es brutal eng.
Richtig oder falsch ist oft gar nicht die passende Frage. Die bessere Frage wäre: Stört es wirklich jemanden? Oder stört es nur eine Erwartung?
Die Leute reden sowieso. Die Vorstellung, man könne durch korrektes Verhalten verhindern, dass Menschen urteilen, ist einer der größten Irrtümer des Erwachsenenlebens.
Man kann höchstens dafür sorgen, dass sie über eine Version von einem urteilen, die man selbst gar nicht mehr ist. Nicht alles, was ungewohnt aussieht, ist falsch. Manches ist nur lebendiger, als die Umgebung es eingeplant hatte.