Seltsamer Planet

Warum Menschen sich freiwillig in Käfige setzen und Gardinen aufhängen

Alexandra

8/21/20263 min read

Der seltsame Planet aus Sicht von Außerirdischen

Die Tage von war mein Messenger wieder voll mit Masterclasses, neuen Programmen, Webinaren – alles natürlich erst mal kostenfrei mit ausgeworfener Angel. Es ist schön, dass so viele Menschen aufgewacht sind oder dabei sind, ihr Leben in Frage zu stellen. Es boomt auf den Sozialen Medien von Angeboten: „wie du dein Leben in 10 Tagen änderst." Schon bei dem Satz möchte ich mich manchmal unter den Tisch legen.

Was mir bei 95% der Anbieter fehlt ist die Authentizität. Es schreit schon in den ersten drei Sekunden nach „kauf bitte mein Programm“ oder „darf ich dich auf einer Reise begleiten.“ Allesamt kämpfen die Anbieter um deine Aufmerksamkeit und suchen deine Schmerzpunkte, verraten dir, wie du es mit ihnen schaffen kannst.

Was mir bei vielen dieser Angebote fehlt, ist nicht Wissen. Wissen gibt es genug. Eher zu viel. Im Jahr 2026 steht uns fast alles zur Verfügung. Wir können in Sekunden nachlesen, wie man ein Business startet, einen Sauerteig rettet, eine Beziehung beendet, einen Narzissten erkennt, einen Podcast aufnimmt oder den Wasserhahn entkalkt. Aber ich denke, wir haben kein Defizit mehr in Sachen Information.
Ich glaube, wir haben ein Wahrnehmungsproblem.

Wir sehen viel, aber wir durchschauen wenig. Wir scrollen, speichern, liken, nicken, fühlen uns kurz ertappt und machen dann weiter wie vorher. Nicht, weil wir zu dumm sind. Sondern weil der Alltag unglaublich überzeugend auftreten kann. Er kommt nicht mit Peitsche und Drama, sondern mit Kalender, Pflichtgefühl und dem Satz: „Das muss halt.“

In meinem Job habe ich gelernt, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Nicht nur: Was ist das Problem? Sondern: Von wo aus sieht man es überhaupt, gibt es eine andere Perspektive auf das Thema?

Und genau deshalb stelle ich mir gerade eine Frage:

Wenn es andere Intelligenzen gäbe und sie völlig unvoreingenommen auf die Erde schauen würden, was würden sie über uns notieren?

Vielleicht säßen sie irgendwo in einem Raumschiff, hätten eine Tasse mit irgendeiner unbekannten Flüssigkeit vor sich, würden ihre Beobachtungsunterlagen aufklappen und einen Bericht schreiben wie folgt:

Überschrift:
Bedienungsanleitung für einen sehr seltsamen Planeten.
Beobachtungen über Erdbewohner, Muster und die merkwürdige Kunst, sich selbst im Weg zu stehen.
Von Erna.

Warum Erna? Frage an deine Glaubenssätze, wer sagt denn, dass Außerirdische besondere galaktische Namen haben müssen?

Notiz 1: Bei unserer ersten Beobachtung fiel auf, dass die Erdbewohner ein merkwürdiges Verhältnis zu Freiheit haben. Sie sagen oft, sie hätten keine Zeit. Bei näherer Betrachtung verbringen sie allerdings erstaunlich viele Stunden damit, Dinge zu tun, die sich nicht wollen, für Menschen, die sie kaum mögen, um Erwartungen zu erfüllen, die nie jemand schriftlich eingereicht hat. Sie sprechen oft von Freiheit, sehnen sich danach, posten Zitate darüber und bestellen Tassen mit entsprechenden Aufdrucken wie z.B. „Follow your dreams.“

Besonders auffällig: Verlässt ein Erdenbewohner einen Käfig nicht, beginnt er häufig damit, ihn einzurichten. Er hängt Gardinen auf, kauft passende Kissen für die Couch und nennt das Ganze irgendwann „mein Leben“.

Ein Mensch bleibt zum Beispiel in einem Job, der schon beim Gedanken an Montagmorgen leichte Übelkeit auslöst. Aber er trägt die Termine ordentlich in einen schönen Kalender ein, damit das Elend wenigstens strukturiert aussieht. Vielleicht kauft er sich noch neue Stifte. Einen für wichtige Aufgaben, einen für sehr wichtige Aufgaben und einen für Aufgaben, bei denen man innerlich längst gekündigt hat, aber äußerlich noch „passt schon“ sagt.

Der Käfig ist selten aus Eisen. Das wäre zu einfach. Dann würde man ihn ja sehen.

Meist bestehen die Gitterstäbe aus Sätzen wie:
- Man muss vernünftig sein
- Das macht man nicht
- Dafür bin ich zu alt
- Andere wären froh, wenn sie das hätten

Die sog. Menschen sind auf diesem Planeten überhaupt eine interessante Instanz. Niemand weiß genau, wer sie sind. Am wenigsten sie selbst. Trotzdem werden ihretwegen Leben nicht gelebt, Sätze nicht gesagt, Kleider nicht getragen, Träume verschoben und Entscheidungen vertagt.

Die Erdbewohner können Maschinen zum Mars schicken, Herzen transplantieren und mit einem kleinen Gerät in der Hand das Wissen der Welt abrufen. Aber bei dem Satz „Ich will das nicht mehr“ geraten viele in erhebliche Systemstörungen.

Dann wird gerechnet, erklärt, relativiert und beschwichtigt. Dann kommen die alten Programme hoch: Sicherheit, Pflicht, Dankbarkeit, Durchhalten, nicht auffallen, erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wobei auffällig ist, dass das Vergnügen oft nie erscheint, weil die Arbeit vorher noch Verwandtschaft bekommt.

Freiheit ist beliebt auf dem Planeten, aber die Idee hat sich als unbequem in ihrer täglichen Praxis bewiesen. Im übrigen definieren sie Freiheit zu einem großen Teil als Sonnenuntergang, leichter Wind, den Tag mit allen Sinnen genießen. Und dennoch scheint das offensichtlich Greifbare wie eine entfernte Galaxie.

Vielleicht sollte auf dem Tassenaufdruck eher eine Frage stehen, die lauten könnte:
Warum hängt hier überhaupt eine Gardine vor den Stäben?
Spoileralarm: Gardinen sind nicht das Problem.

Fortsetzung folgt…

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