Speed-Dating mit C.G. Jung

Vier Fragen ein Nervenzusammenbruch

Alexandra

1/9/20263 min read

Ich wollte flirten. Er wollte mein Unterbewusstsein sezieren.

Neulich hatte ich den Gedanken, wie es wohl wäre, wenn ich auf ein Speed-Dating gehen würde - und mir Carl Gustav Jung begegnen würde.

Also war ich gedanklich mit einer Prise Aufregung, perfektem Outfit und einer stillen Hoffnung auf Mr. Right unterwegs.
Da ich jemand von der schnellen Truppe bin und Datings meide - denn ich müsste gegebenenfalls ein Getränk lang mit jemandem verbringen, bei dem ich in zehn Sekunden an Narkolepsie leide - nein danke.

Also betrat ich den Saal: zehn kleine Tische, Kerzenlicht, gewürzt mit einer Aura von Nervosität.
Auf jedem Tisch stand ein Namensschild. Die Männer wirkten wie Bewerber beim Vorstellungsgespräch.
Ich beschloss, es sportlich zu sehen: fünf Minuten pro Gespräch.

Ich setzte mich an Tisch 3. Dieser Mann wäre schon mal mein beschriebenes Date gewesen. Gedanklich verließ ich meinen Körper, der Zuhören perfekt inszenierte.
Tisch 5: Personal Trainer. Als Coach-Expertin passte ich offensichtlich nicht in seine Zielgruppe.
Tisch 6: ein Architekt, der mich mit nachhaltigen Gebäuden beeindrucken wollte - dabei fehlte jegliches Fundament.
Ich nickte höflich, lächelte, trank H₂O ohne Sprudel.

Und dann - Tisch 7.
Ich sah ihn schon von weitem. Kein Typ wie die anderen. Graues Jackett, intensiver Blick, leicht zerzaustes Haar.
Sein Namensschild: Carl G. Jung.
Ich lachte laut. "Ach, das ist ja witzig - du heißt wirklich so?"
Er: "Ich nehme das Leben beim Wort."
Aha.

Ich ahnte, das würde kein leichtes Gespräch werden. Aber irgendetwas an ihm faszinierte mich. Vielleicht, weil er aussah, als hätte er heimlich die Antworten auf Fragen, die ich mir schon lange nicht mehr zu stellen traute.
GOOOONNNG! Die Runde beginnt.

Frage 1 - Warm-up

Der Typ lehnte sich leicht vor, sah mich an, als wäre ich ein Forschungsobjekt.
"Wozu bleibst du so, wie du bist?"
Direkt in die Tiefenbohrung ohne Umweg.
Ich blinzelte. "Äh ... weil's bequem ist, Carl. Und weil Veränderung keine Heizung hat."
Er notierte etwas. Ich überlegte kurz, ob ich flirten sollte. Was war das hier? Mein Traum sollte mich entspannen!

"Bequemlichkeit ist die charmanteste Form der Angst", sagte er ruhig.
Ich überlegte, ob das schon das Kompliment war, und lächelte, obwohl ich innerlich panisch wurde.
Mir wurde warm. Und nicht nur wegen der Heizung.

Frage 2 - Schmerztherapie to go

"Was geschieht mit dir, wenn dein größter Schmerz verschwindet?"
Ich atmete tief durch und machte dieses Spiel mit. "Dann habe ich endlich Ruhe."
Er legte den Kopf schief. "Oder keine Ausrede mehr?"

Ich meinte: "Na toll. Jetzt fühle ich mich, als hätte ich meinen Schmerz gerade gefeuert, aber vergessen, eine neue Identität einzustellen."
Er lächelte. "Schmerz ist ein schlechter Arbeitgeber. Aber viele bleiben trotzdem, weil der Job sicher ist."
Ich rollte innerlich mit den Augen. Ich mochte ihn - und hasste ihn gleichzeitig.

Frage 3 - Bühne frei

"Wo spielst du jeden Tag eine Rolle?"
Ich wollte spontan und witzig sein. "Im Leben, Carl. Ich bin Hauptdarstellerin in der Kategorie organisiertes Chaos."
Er notierte wieder. "Und wer hat das Drehbuch geschrieben?"
Ich nahm einen Schluck Wasser. Obwohl ich keinen Alkohol trinke, stellte ich mir vor, es wäre Schnaps.

Frage 4 - Endgegner

"Welcher Angst weigerst du dich zu begegnen?"
Jetzt beschloss ich, ihn gleichzeitig zu daten und zu verklagen. Dann ertönte der Gong und erlöste mich.
Fünf Minuten. Vorbei. Gott sei Dank.

Ich saß da, als hätte ich eine spirituelle Darmspiegelung hinter mir. Er stand auf, reichte mir wortlos die Hand.
Auch wenn er kein Harvey Specter (der gutaussehende Typ aus Suits) war - verdutzt wollte sagen: "Wollen wir noch was trinken?"

Was für ein seltsamer Wachtraum. Ich schrieb mir die Fragen von C. G. Jung auf einen Zettel und klebte sie an mein Memoboard.
Seitdem stand ich regelmäßig davor und diskutierte mit mir selbst, um mir auf die Schliche zu kommen.

Erkenntnisse, die keiner bestellt hat

Seit diesem Abend wusste ich, dass man bei Jung kein Speed-Dating gewinnt.
Man überlebt es.

Ich hatte über diese Fragen nachgedacht.
Über das Bleiben. Über Schmerz. Über Rollen. Über Angst.
Und über die, die ich bin, wenn niemand hinschaut.

Würdest du mit ihm ein Date haben wollen?