Tinder-Swipe

Wenn Nettsein erst mal durch den Filter muss

Alexandra

7/4/20252 min read

Früher war Schubladendenken verpönt. Heute fällt es unter das Thema Effizienz.

Du triffst jemanden – beim Seminar, im Supermarkt, im Café – und nach drei Sekunden läuft innerlich schon das Bewertungskarussell:
„Ah, der Typ hat ein viel zu lautes Lachen und ist extrovertiert. Wahrscheinlich macht der Network Marketing.“
Abgehakt. Oder: „Die redet viel von Politik, die gehört bestimmt zu der Partei, die ich garantiert nie wählen würde.“
Nächste bitte.

Früher hat man sich wenigstens die Mühe gemacht, jemanden unsympathisch zu finden.
Heute wird nur noch kurz geguckt, ob sich nett sein überhaupt lohnt.

Ich geb’s zu: Ich bin selbst nicht besser. Ich hab jahrelang an mir gearbeitet, meine Standards erhöht, meine Antennen geschärft – und dabei auch gleich die Toleranzschwelle für alles, was nicht ganz passt, dramatisch gesenkt. Als hätte ich den Stopsel aus der Badewanne gezogen und der Wasserstand nimmt dramatisch ab.
Inzwischen habe ich sogar einen Namen dafür: Tinder-Swipe-Mentalität. Die Kunst, Menschen im falschen Moment wegzuswipen, obwohl sie im richtigen hätten passen können. Der Satz könnte von Karl Valentin stammen.

Wie funktioniert das?
Ich sortiere aus, bevor ich überhaupt weiß, wen ich da vor mir habe. Nicht aus Bosheit – aus Gewohnheit in meiner hektischen Welt.

Mein geistiges Fischernetz hat automatische Löcher, die nur in gut und böse unterteilen mit diesen Fragen:
Teilt dieselben Werte? Hat das gewisse Etwas? Kann lachen UND tiefsinnig sein? usw.

Wenn nicht: Danke fürs Gespräch. Danach gelöscht wie ein digitales Foto, das keine Spuren hinterlässt. Ein Polaroid hätte man zumindest in den Sondermüll entsorgt.

Und dennoch kann es sein. Dann kommt dieser Moment. Du hörst, durch Dritte einen Namen, den du wage einsortieren kannst. „Du kennst den doch, oder? Dieser Jonas, der mit dem komischen Lachen. Der macht gerade was Spannendes. Hat richtig geile Gedanken und am Wochenende kümmert er sich um den Tierschutz. Voll dein Ding eigentlich.“

Und du denkst dir? Whaaaat? Hätte ich mir niemals gedacht. Mit dem hätte ich mich gerne vernetzt bzw. unterhalten. Jonas also. Der mit dem festen Händedruck und dem 90er Jahre Outfit macht aufregende Sachen. Der, den ich in drei Sekunden innerlich auf „nicht mein Typ“ gestellt habe?
Ja. Genau der!

Es ist wie auf Tinder:
Wenn du jemanden zu früh wegswipst, kannst du ihn nur zurückholen, wenn du Premium bezahlst.
Teuer. Im echten Leben kostet’s auch:
Stolz. Offenheit. Und manchmal eine gesunde Portion Selbstironie.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich mal nicht abgebrochen habe.
Es war alles dabei: ein ungeschickter Einstieg, ein zu enthusiastisches Lachen, ein Satz wie „Ich glaube, dass autofreie Städte die Zukunft sind." Ich hätte ihn in meine geistige Ramschkiste stecken können.
Hab ich aber nicht. Ich bin geblieben.
Genau dieser Mensch hat mir Wochen später einen entscheidenden Impuls gegeben, der etwas verändert hat in mir. Nicht groß. Aber sehr hilfreich.
Vielleicht ist das die Pointe, die wir in dieser schnellen Welt wieder üben dürfen:

Nicht alles gleich einordnen.
Nicht immer alles bewerten.
Nicht Menschen bewerten wie ein schlechtes Dating-Profil.

Sondern:
Manchmal wieder zuhören ohne Zweck, dableiben ohne Kalkül, interessiert sein ohne Filter.

Ich glaub, wir brauchen das. Nicht als spirituelle Pflicht. Sondern als menschliche Einladung. Weil das Leben manchmal nicht den perfekten Text auf der Stirn hat. Aber eine verdammt gute Geschichte, wenn man länger verweilt als einen Swipe.