Unerwartetes Ganzkörperprojekt

Twist real Life

Alexandra

1/23/20263 min read

Warum aus "nur kurz eincremen" plötzlich ein Ganzkörperprojekt wird

Manschettenknöpfe der Bluse endlich zu, Blazer über die Bluse drüber, fertig angezogen - eigentlich bereit zum Losgehen. Das Outfit sitzt, die Haare liegen erstaunlich kooperativ. Der Tag hat noch nicht die Gelegenheit gehabt, sich daneben zu benehmen. Kurzer Geistesblitz: es fehlt noch ein bisschen Handcreme. Da ich pragmatisch bin und nicht tausend Tuben haben möchte habe ich eine Bodylotion, die für alles herhalten muss.

Die Tube, die auf der Waschmaschine steht wie eine Ketchupflasche im Restaurant, die verspricht: "einmal leicht drücken und ich wünsche dir einen schönen Tag." Wer einmal Ketchup überlebt hat, weiß: Ketchupflaschen können verdammt tückisch sein.
Erst kommt nichts, außer diesem "Luftzug", der sich anhört, als hätte die Flasche Asthma. Kräftig nach unten schütteln und genau in der Sekunde, in der man denkt, jetzt ist die Creme dort, wo sie sein soll, drücken - platsch.
Ein weißer Schwall Creme landet auf meinem Handrücken. Es ist eine Dosis, die problemlos die deutsche Fußballdorfjugend durch den Winter bringen würde. Ein spontanes, unkontrolliertes "Shit" hallt in bester Akustik durch mein Bad. Ich versuche, Handrücken an Handrücken die Creme zu verreiben und hoffe verzweifelt, dass sie schnell einzieht. Bloß nichts berühren, vor allem nicht Bluse und Blazer.
Fettflecken sind nie ohne Konsequenzen. Sie tauchen auf, mutieren an Stellen, an denen man schwören könnte, man sei nie gewesen.

Die Hände also hoch. Handrücken weg vom Körper. Fingerspitzen nach oben wie eine Chirurgin auf dem Weg zum OP.
Sofortige Schadensbegrenzung muss her. Die Frage ist nur: wohin damit?
Okay - die Finger sind sauber. Da der Blazer zu kurz ist, könnte man gegebenenfalls die Manschettenknöpfe wieder öffnen und hätte je Arm nochmal 30 Quadratzentimeter mehr zum Verteilen. Das Unterfangen gestaltet sich schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Eincremen, verteilen, schmieren - alles nur, damit der Tsunami weniger wird. Unter der Bluse wird es langsam wärmer als geplant, denn es ist anstrengend und ich sollte längst weg sein.

Die 30 Quadratzentimeter Hautoberfläche haben mich wie Werbung veräppelt, denn es reicht nicht, die Menge los zu werden.
Mein Hals zwischen dem Blusenkragen ist plötzlich Kandidat - vielleicht die Rettung. Nicht weil das geplant war, sondern weil er zufällig erreichbar ist. Was nicht bedacht wurde: Je mehr man verteilt, desto mehr scheint es zu werden. Die Creme verhält sich wie Gäste, die man höflich rausschmeißen möchte - sie bleiben einfach.

Die Füße werden schließlich der Notnagel. Ich habe Gott sei Dank nur Socken an. Warum bin ich nicht gleich drauf gekommen, sie auszuziehen und meinen Füßen was Gutes zu tun? Während meine Hände immer noch glitschig glänzen, merke ich, dass die meine trockenen Hände nochmal nachbestellt haben und durstig die Creme inhalieren. Trotzdem - ich muss weg. Also die Hose ein Stück hochschieben - ich habe Gott sei Dank noch Schienbeine.

Meine Augenlider verselbstständigen sich und gehen wie ein Rollladen, weit aufgerissen, nach oben, denn ich sehe an der Hose einen Fettfleck - auf Oberschenkelhöhe. Selbst mit 3 Dioptrien sichtbar.

Während meine Haut langsam die speckige Schicht verschwinden lässt, taucht dieses Gefühl auf, das nur entsteht, wenn man in einer völlig absurden Situation feststeckt. Eine Art resignierter Humor, der sagt: "Natürlich passiert mir das. Warum auch nicht genau heute?"
So läuft es nun mal. Die Tage, die so geschmeidig starten, dass man sie fast misstrauisch beäugt, kippen in diese kleine menschliche Wahrheit: Das Leben ist nicht ordentlich. Es ist selten planbar.

Es hätte schlimmer kommen können. Viel schlimmer. Die Hose ist bei 30 Grad easy waschbar und auch nicht neu.
Dann beginnt der Tag wirklich. Mit Schienbeinen, die aussehen, als hätten sie gerade einen eigenen Spa-Termin gehabt. Und mit einer Geschichte, die später erzählt wird - oder einfach als stille Erinnerung bleibt, dass ein bisschen Übertreibung manchmal genau das ist, was den eigenen Alltag menschlich macht.