Wespennest
Unerwartete Begegnungen
Alexandra
6/26/20263 min read


35 Sekunden Fachkompetenz und ein Aldi-Beutel mit Orangenduft
Heute wurde bei mir ein Wespennest entfernt. Unauffällig hatten die Wespen fleißig ein fettes Nest unter meiner Liege gebaut. In diesem Entdeckungsmoment schmolz nun mein Traum, meinen Morgenkaffee auf meiner Liege zu trinken.
Mein Laiengehirn für Insekten begann zu arbeiten und ich stellte mir vor, dass ich meinen Skianzug aus dem Keller holen würde, meine Gummistiefel anziehen würde. Dazu die nie benutzten Haushaltshandschuhe. Da meine Ski Jacke eine Kapuze hatte, war die Lösung klar, wie ich mein Gesicht schützte.
Wie beim Zwiebelschneiden: Ich habe dafür auch immer meinen Kapuzenpulli an und einen großen gläsernen Pfannendeckel, als wäre ich in einem Low-Budget-Sciencefiction-Film. Die Einstichwahrscheinlichkeit war unter einem Promille.
Dennoch bemühte ich das Internet: Wespennest, was tun?
Da stand was von Naturschutz und Entfernung nur von einem professionellen Schädlingsbekämpfer oder Imker. Kosten für die Umsiedlung und Entfernung lagen zwischen 150 und 450 Euro. Wer das selbst macht, dem drohen Bußgelder.
Aber da stand der Satz:
Der Vermieter kommt für die Kosten auf. Endlich hatte ich auch mal Glück und rief die Hausverwaltung an. Na bitte!
Gespannt wartete ich auf den Kammerjäger. Nicht unbedingt Blaulicht, aber doch wenigstens einen Mann in Spezialkleidung, vielleicht mit Helm, Handschuhen, einem Gerät, das einen Namen hat, den normale Menschen nicht kennen.
In meinem Kopf war das jedenfalls kein kleiner Haushaltstermin. Es war eher eine Mischung aus Naturdokumentation, Versicherungsfall und Mutprobe.
Also kam ER, der Kammerjäger. Wobei mein Gehirn für einen kurzen Moment nicht „Kammerjäger“ sagte, sondern an die Fensterputzer-Coca-Cola-Werbung denken musste. Wow – what a man. Mit dem hatte ich jetzt gar nicht gerechnet. Für Schminke und Zurechtmachen war es aber zu spät.
Er sah wirklich schneidig aus. Lässiges Hemd; und trotz hoher Temperaturen hochgekrempelt und nicht Kurzarm-Hemd-Charme. Gute Jeans, Sneakers und zur Krönung Haarschnitt à la Damon Salvatore.
Einer von diesen Menschen, bei denen man denkt: Der könnte jetzt auch einfach eine Leiter tragen und es sähe nach ansprechender Werbung aus.
Ich versuchte also, mich wieder auf das eigentliche Thema zu konzentrieren. Wespen. Nest. Fachmännische Entfernung. Kosten. Schutz. Natur. Gefahr in Verzug.
Dann ging alles sehr schnell.
Und mit „sehr schnell“ meine ich nicht: Er arbeitete zügig. Ich meine: Ich hatte kaum Zeit, innerlich vom Coca-Cola-Man-Effekt wieder in die Realität zurückzukehren.
Er schaute sich das Nest an, zog sich so ein Imkeroberteil und Handschuhe an und verlange nach einer Plastiktüte!!
Man muss sich das vorstellen. Ich hatte mich innerlich auf eine hochprofessionelle Entfernung vorbereitet, auf Spezialgerät, auf eine kleine Dramaturgie, vielleicht auf einen souveränen Satz wie: „Bitte halten Sie Abstand.“ Stattdessen stand ich da und assistierte mit einem Aldi-Abfallbeutel mit Orangenduft.
Es dauerte exakt ca. 35 Sekunden.
Fünfunddreißig.
Nicht fünf Minuten. Nicht zehn. Keine Lagebesprechung. Kein gefährliches Hin und Her. Einfach: Sprühen, Beutel, fertig.
Danach war das Wespennest Geschichte.
Ich stand daneben und hatte kurz dieses unangenehme Gefühl, das man bekommt, wenn die Wirklichkeit einem das eigene Kopfkino aus der Hand nimmt und sagt: War sonst noch was?
Mein Gehirn begann zu rechnen. Das macht es besonders gern, wenn es gerade versucht, sich von einer Entzauberung zu erholen. Selbst wenn er nur 150 Euro genommen hätte, dachte ich, wären das bei 35 Sekunden hochgerechnet ungefähr 15.429 Euro pro Stunde.
Fünfzehntausendvierhundertneunundzwanzig Euro.
Da hält man seinen Aldi-Beutel plötzlich anders.
Ich dachte kurz: Alexandra, du bist beruflich möglicherweise doch falsch abgebogen.
Natürlich weiß ich, dass diese Rechnung unfair ist. Bevor jetzt jemand kommt und mir erklärt, dass da Anfahrt, Ausbildung, Sachkunde, Risiko, Versicherung, Material, Saison und Bereitschaft drinstecken: Ja. Weiß ich. Ich habe auch nicht vor, ab morgen mit Haarspray und Restmüllbeuteln durchs Land zu ziehen und mich „Wespenflüsterin für gehobene Wohnlagen“ zu nennen.
Aber innerlich darf man doch kurz erschüttert sein?
Interessant: Man bezahlt ja offenbar nicht die 35 Sekunden. Man bezahlt dafür, dass jemand die 35 Sekunden ohne Drama etwas besser kann.
Das ist ein Unterschied.
Meine Version dieser 35 Sekunden hätte vermutlich wesentlich länger gedauert. Meine Version hätte mit Umziehen begonnen, wäre über Internetpanik, falsches Spray, schwitzende Kleidung und sehr viel „Ach du Scheiße“ gelaufen.
Fazit: Manchmal sieht Kompetenz erschreckend unspektakulär aus.
Das ist für meine Glaubenssätze natürlich nicht angenehm. Ich hätte gern gehabt, dass die Sache schwieriger aussieht, wenigstens optisch. Damit ich später hätte sagen können: „Also gut, dass ich das nicht selbst gemacht habe.“
Wir Laien verwechseln Aufwand gern mit Wert. Wenn jemand lange arbeitet, schwitzt, schraubt, sucht, flucht und zwischendurch dreimal zum Auto läuft, sind wir beruhigt. Dann sehen wir etwas für unser Geld. Dann können wir sagen: „Ja, das war aber auch eine Aktion.“
Wenn jemand dagegen in 35 Sekunden erledigt, woran wir selbst vermutlich einen halben Nachmittag, zwei YouTube-Videos und eine Portion Mut gebraucht hätten, sind wir kurz irritiert.
Weil es so einfach aussah.
Aber vielleicht bezahlt man genau das. Die verkürzte Katastrophe, die Perspektive.
Man sieht nicht die Jahre Erfahrung dahinter und denkt: Dafür?
Ja. Dafür.
Dafür, dass ich es nicht selbst machen musste. Dafür, dass meine Nachbarn und ich ohne Stich davon gekommen sind.