FußballWM

Elf Spieler, ein Unterbewusstsein und zu viele Eigentore

Alexandra

7/24/20265 min read

Meine innere Mannschaft braucht dringend einen neuen Trainer!

Gerade war Fußball-Weltmeisterschaft. 48 Mannschaften traten an, verteilt auf zwölf Gruppen, und plötzlich wissen Menschen, die sonst nicht einmal entscheiden können, welche der drei geöffneten Senftuben im Kühlschrank zuerst wegmuss, ganz genau, welcher Spieler auf welcher Position falsch steht.

Es wird analysiert, geschimpft, zurückgespult und mit erstaunlicher Inbrunst erklärt, warum der Trainer sowieso keine Ahnung hat. Einer hätte früher ausgewechselt werden müssen, ein anderer hätte niemals von Beginn an spielen dürfen, und überhaupt war die gesamte Aufstellung schon beim Einlaufen eine Frechheit.

Was mich beschäftigt: Im Fußball wird jeder Spieler beobachtet. Laufleistung, Zweikampfquote, Passgenauigkeit, Form. Da läuft keiner 35 Jahre lang durchs Mittelfeld, nur weil er schon immer da war.

Im eigenen Leben sieht das ganz anders aus:

Da darf ein Glaubenssatz, den irgendwann eine Tasse fallen ließ, bis zur Rente in der Startelf bleiben. Niemand weiß mehr genau, wer ihn verpflichtet hat, besondere Leistungen sind ebenfalls nicht überliefert, aber er trägt nun einmal das Trikot und gehört irgendwie dazu.

Was wäre also, wenn unser Leben für ein paar Wochen ebenfalls Weltmeisterschaft hätte?

Eine Gruppe für einen Lebensbereich. Geld, Arbeit, Beziehungen, Familie, Körper, Zeit, Freundschaft, Ruhe und Bewusstsein etc. Schon bei der Auslosung würde wahrscheinlich auffallen, dass manche Gruppen hervorragend besetzt sind, während andere seit Jahren mit zwei müden Ersatzspielern antreten.

In der Gruppe Geld träfen Sicherheit, Freiheit, Genuss und Angst aufeinander. Die Angst wäre bestens vorbereitet. Sie hätte sämtliche Krisen der letzten hundert Jahre studiert, trüge Schienbeinschoner bis unter die Achseln und würde bereits vor dem Anpfiff darauf hinweisen, dass man heute besser nichts riskiert. Sicherheit hielte den Ball möglichst lange hinten, Freiheit liefe sich vorne wund, und Genuss hätte Schwierigkeiten bei der Einreise, weil seine Teilnahme wirtschaftlich gerade nicht darstellbar sei.

Ich kenne diese Gruppe. Vermutlich hat sie bei mir sogar Heimrecht.

Freiheit darf kurz winken, Genuss wird gebeten, sich nicht so aufzuspielen, und die Angst sitzt längst im Besprechungsraum und zeigt eine Präsentation mit dem Titel „Was alles passieren könnte“. Sie ist sehr fleißig. Leider fast nie hilfreich.

Bei der Arbeit wäre die Aufstellung kaum überraschender. Pflicht hätte einen Vertrag auf Lebenszeit, Talent müsste sich weiterhin beweisen, und Anerkennung würde über den ganzen Platz rennen, dabei aber weniger auf den Ball als auf die Tribüne schauen. Freude wäre grundsätzlich gemeldet, fiele jedoch regelmäßig wegen einer rätselhaften Verletzung aus, die immer dann auftritt, wenn der Wecker klingelt.

Beim Körper beispielsweise würde Bequemlichkeit zunächst souverän auftreten. Sie kennt die besten Plätze auf dem Sofa und pflegt seit Jahren ausgezeichnete Kontakte zur Mannschaftsleitung. Disziplin wäre hoch motiviert, besonders im Januar, neigte allerdings zu frühen Turnierabbrüchen. Der Körper selbst hat übrigens nie behauptet, eine Problemzone zu sein. Das war ein Marketingmensch.

Nach der Vorrunde müsste entschieden werden, wer weiterkommt. Hier würde es spannend, denn im echten Leben zählt selten die Leistung. Dort bleibt vieles im Spiel, weil es schon lange mitspielt. Wir nennen das dann Charakter.

Vielleicht halten wir uns für vorsichtig, obwohl nur eine alte Angst seit Jahren die Abwehr organisiert. Wir bezeichnen uns als vernünftig, während ein fremder Satz das Mittelfeld kontrolliert. Wir glauben, wir seien eben nicht besonders mutig, obwohl Mut irgendwann ausgewechselt wurde und seitdem niemand geprüft hat, ob er längst wieder einsatzfähig wäre.

Im Fußball würde man so jemanden verkaufen.

Spätestens in der K.-o.-Runde käme es zu Begegnungen, bei denen ich sogar einschalten würde. Sicherheit gegen Freiheit, Pflicht gegen Lebendigkeit, Anpassung gegen Wahrhaftigkeit, Kontrolle gegen Vertrauen. Kein gemütliches Freundschaftsspiel mit Nudelsalat und der Feststellung, Hauptsache, alle hatten Spaß.

Sicherheit wäre schwer zu schlagen. Sie kennt jede Schwachstelle, besitzt jahrzehntelange Erfahrung und hat in vielen inneren Mannschaften längst mehrere Funktionen übernommen. Dort ist sie Kapitän, Trainer, Schiedsrichter und der Mann, der nach dem Spiel die Kabine abschließt.

Das Problem ist selten die Sicherheit selbst. Das Problem beginnt, sobald sie den ganzen Verein besitzt.

Anpassung hätte ebenfalls gute Chancen. Sie beobachtet den Gegner genau, erkennt sofort, was erwartet wird, und verändert ihre Spielweise so geschickt, dass niemand Anstoß nimmt. Von außen sieht das oft angenehm aus.

Im Halbfinale könnte Pflicht auf Lebendigkeit treffen. Pflicht käme pünktlich, hätte ihre Schuhe geputzt und sämtliche Spielzüge vorbereitet. Auf sie ist Verlass, solange niemand fragt, ob dieses Spiel noch das richtige ist. Lebendigkeit erschiene möglicherweise etwas zu spät, trüge ein auffälliges Trikot und hätte den ursprünglichen Plan nur überflogen. Dafür entstünden mit ihr gelegentlich Spielzüge, an die vorher niemand gedacht hatte.

Vielleicht liegt das eigentliche Problem vieler innerer Mannschaften ohnehin nicht darin, dass Fähigkeiten fehlen. Sie stehen nur völlig falsch.

Der Verstand rennt gleichzeitig als Stürmer, Verteidiger, Trainer und Mannschaftsarzt herum, während die Intuition seit Jahren auf der Bank sitzt, weil sie ihre Entscheidungen nicht ausreichend mit Zahlen belegen konnte. Humor wurde aus dem Kader gestrichen, da die Lage zu ernst sei. Kreativität darf beim Sommerfest kurz mitspielen, und Mut wird erst eingewechselt, wenn garantiert nichts mehr schiefgehen kann. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie einen Torwart nur dann aufs Feld zu schicken, wenn der Gegner bereits nach Hause gefahren ist.

Der Torwart hat vermutlich den anspruchsvollsten Job, denn er bewacht den Zugang zum Unterbewusstsein. Dorthin fliegen den ganzen Tag Sätze, Bilder, Meinungen, Erfahrungen und Erwartungen. Manche kommen aus der eigenen Mannschaft, andere von Menschen, die nicht einmal wissen, wo unser Tor steht.

Sätze wie „Dafür bist du nicht der Typ“ oder „Was sollen die Leute denken?“ werden selten mit voller Wucht geschossen. Sie rollen eher gemütlich heran, tauchen dafür über Jahre immer wieder auf und tragen irgendwann schon das eigene Trikot. Dann lässt der Torwart sie durch, weil er sie für einen Rückpass hält.

Später wundern wir uns, warum wir bei bestimmten Chancen gar nicht erst loslaufen, warum wir gute Möglichkeiten misstrauisch behandeln und jede größere Idee prüfen, als wolle sie uns hinterrücks eine Eigentumswohnung auf einem sinkenden Kreuzfahrtschiff verkaufen. Der Satz hat längst getroffen. Der Spielstand wurde nur nie eingeblendet.

Ein guter innerer Torwart müsste vermutlich weniger abwehren als unterscheiden können. Was gehört wirklich zu mir, und was wurde nur oft genug wiederholt?

Im Finale stünden dann keine Lebensbereiche gegeneinander. Dort träfen zwei verschiedene Aufstellungen unseres Lebens aufeinander. In der einen spielen Gewohnheit, alte Erwartungen und gut trainierte Befürchtungen. Sie kennen ihre Laufwege, verursachen wenig Überraschungen und liefern zuverlässig ähnliche Ergebnisse.

Die andere Mannschaft wäre nicht automatisch erfolgreicher, schöner oder dauernd gut gelaunt. Sie hätte nur einen entscheidenden Vorteil: Wir hätten sie selbst aufgestellt!

Während der Fußball-WM werden noch Millionen Menschen darüber diskutieren, wer ins Finale gehört und welcher Trainer längst hätte wechseln müssen.
Vielleicht lohnt sich zwischendurch ein Blick auf die eigene Startelf.

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Alexandra Lindner
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