Glück
Warum mein Gehirn ein Luxushotel braucht, um „Glück“ zu buchstabieren
Alexandra
8/7/20263 min read


Warum mein Gehirn ein Luxushotel braucht, um „Glück“ zu buchstabieren.
Ich bin Meditations-Allergikerin. Sobald mich jemand mit sanfter Stimme auffordert, meine Gedanken wie Wolken vorbeiziehen zu lassen, oder mir erklärt, dass mein Atem der Schlüssel zum Universum sei, schaltet mein System auf sofortigen Widerstand. Atmen tue ich sowieso, das ist keine spirituelle Leistung, das ist ein biologischer Reflex, um nicht blau anzulaufen.
Vor Kurzem bin ich trotzdem in eine Falle getappt. Jemand drückte mir eine „geführte Session“ aufs Auge, die ohne das übliche Räucherstäbchen-Pathos auskam. Der Auftrag war simpel: Setz dich bequem hin. Hol dir einen negativen, abscheulichen Gedanken, spür den supernegativen Gedanken im Körper. Dann hol dir einen positiven, glücklichen Moment, spür den Glanz. Abwechselnd. Ein psychologisches Ping-Pong-Spiel.
Das Ergebnis war kein „Aha-Erlebnis“, sondern ein Totalschaden meiner Selbstwahrnehmung.
Während ich bei den negativen Momenten sofort einen 4K-Film abspielen konnte: Scam-Betrug von Geld, Verlust einer Beziehung, unfassbare Trauer beim Tod meines Hundes und meines Pferds, blieb die Leinwand für die glücklichen Momente erstaunlich dunkel. Mein Gehirn ratterte wie ein kaputter Drucker, der nur noch Fehlermeldungen ausspuckt.
Und dann kamen solche Gedanken: Das schöne Hotel mit unfassbarem Service (wohlgemerkt, ich war arbeitstechnisch dort, nix privat). Das geschenkte Wochenende in einem Charlet von einer Freundin. Luxus pur mit Blick auf die Berge.
Ich hielt diese Momente für „Glück“. Aber nach dieser Meditation stellte mir das Leben eine bittere Frage: War das echtes Glück? Schock: Das war eine Kulisse. Ich war nicht da, weil ich mit mir im Reinen war. Ich war da, um zu arbeiten. Ich habe mich in dem Wohnzimmer der Reichen und Schönen platziert, um kurzzeitig das Gefühl zu haben: „Siehst du? Du gehörst dazu. Du hast es geschafft.“ Es war eine Trophäe, keine Emotion.
Meine erschreckende Erkenntnis: Ich bin eine Trophäen-Jägerin. Mein Glücks-Archiv ist voll von Orten, an denen ich glänzen konnte, an denen das Setting stimmte, an denen die „Kommission für Optik“, diese geheime Instanz, die ständig unser Leben bewertet, ihr Okay gegeben hätte. Aber es ist leer von Momenten, in denen ich einfach nur war. Ich habe gelernt, wie man erfolgreich aussieht, wie man sich an Tischen platziert, an denen man etwas darstellt. Aber ich habe verlernt, wie Glück sich ohne Zeugen anfühlt.
Vielleicht ist das der Grund, warum wir Schmerz so viel detaillierter speichern als Freude. Schmerz ist echt. Er fragt nicht nach der Theaterkulisse. Er ist einfach da, ein ungebetener Gast. Freude hingegen? Freude ist in unserer Matrix verdächtig.
Wir brauchen für echtes Glück manchmal eine Sondergenehmigung. So wie beim „Hopsen“ mit dem Hund, was ich in einem anderen Blog geschrieben habe. Ohne den Hund am anderen Ende der Leine wäre das Hüpfen auf dem Gehweg ein psychiatrischer Notfall, mit Hund ist das süß. Wir erlauben uns manchmal das Glücksgefühl erst, wenn die Kulisse stimmt, wenn wir ein RitzCarlton-Schild in die Kamera halten können. „Schau mal, sie ist glücklich, sie ist im Luxus.“ - Genehmigt.
Aber was ist, wenn man die Kulisse weglässt? Wenn man auf dem Boden sitzt, ohne Deko, ohne Statussymbol, ohne das Urteil der anderen?
Ich weiß nicht, ob ich in meiner jetzigen Position dann noch „Glück“ erkennen würde. Vielleicht ist das, was wir „Glück“ nennen, in Wahrheit nur die kurzzeitige Abwesenheit von Störung? Oder die Bestätigung durch ein Umfeld, das uns sagt, dass wir gerade „richtig“ sind.
Die 12-Minuten-Meditation hat entlarvt, dass ich nicht weiß, was echtes Glück ist. Die Liebe zu meinen Tieren ist bzw. war echt. Aber meine Glücksmomente waren oft nur die Kulisse für mein eigenes Ego. Dass ich Glück nicht fühle, sondern konsumiere.
Ich habe keine Ahnung, wie Glück geht. Aber ich habe zumindest gemerkt, dass es nicht in Abu Dhabi im Ritz lag. Und noch eine Erkenntnis daraus: Ich bin wahnsinnig geizig zu mir selbst. Wie also kann ich erwarten, dass das Leben großzügig zu mir ist, wenn ich mich so wenig wertschätze, dass ich mir selbst einen Urlaub buche, statt zuhause zu sein und mir einzureden, dass ich Glück habe, eine schöne Dachterrasse zu haben. Das stimmt, aber meine Sehnsucht, andere Orte zu erleben hat mir in der Vergangenheit sehr viel Energie geraubt.
Und jetzt mal Hand aufs Herz, unter uns: Wann hast du das letzte Mal etwas getan, das keinen Zeugen hatte? Etwas, das du nicht fotografiert, auf Whatsapp-Status gestellt hast, nicht in deine Erfolgsbilanz eingetragen hast?
Manchmal jagen dem Glück hinterher wie ein Hund dem eigenen Schwanz (sorry, mir fällt da gerade nichts anderes ein). Wir sind so gewohnt nach der Bestätigung von außen, dass wir die Verbindung zu unserem eigenen Innenleben längst gekappt haben. Wir sitzen in den schönsten Zimmern der Welt und fühlen uns trotzdem leer, weil wir vergessen haben, wie man sich selbst bewohnt.
Und falls dir das gerade unangenehm in der Magengegend zieht: Gut! Denn genau da, in diesem unangenehmen ‚Mist, sie hat recht‘, liegt der einzige Moment, wo wir anfangen, das Leben zu spüren.
Es ist Zeit, dem allen Beachtung zu schenken.