Schwimmnudeln
Von Schwimmnudeln und Schwerkraft
Alexandra
9/18/20264 min read


Vor kurzem hatte ich Geburtstag. Meinen 56.
Bis 50 habe ich Menschen nie verstanden, die plötzlich ein Problem mit dem Alter bekamen. Ich dachte: Was ist denn los mit euch? Es ist doch nur eine Zahl.
Dann hatte ich selbst einen Fünfer davor und ein Meteorit der Erkenntnis schlug bei mir ein. Nicht wegen der Zahl. Wegen der Beweisstücke.
Jedes Jahr fordert inzwischen irgendwo seinen Tribut. Kleine Besenreiser, die früher aussahen, als hätte sich eine Ader verlaufen, weiten sich langsam zum Okawangabecken aus. Die Haut im Gesicht hat den Kampf gegen die Schwerkraft verloren und an meinen Unterarmen hängen Dinge, die mit sehr viel gutem Willen als Flügel durchgehen könnten. Kurze Nächte rächen sich inzwischen so gewaltig unter den Augen, dass ich morgens aussehe, als hätte ich die Nacht auf einer Polizeiwache verbracht.
Für Fotos gibt es Filter. Ein bisschen wischen, Falten reduzieren und zack: Da ist sie wieder, die Frau, die ich offenbar mal war.
Für Gefühle gibt es leider keinen Filter.
Irgendwann merkst du einfach: Die Fahrkarte für den Zug der Jugend ist entwertet. Du kannst noch am Bahnsteig stehen und so tun, als wärst du nur kurz ausgestiegen. Aber tief drin weißt du: Der Zug fährt weiter. Ohne dich.
Da ich Rebellin bin und mich nicht gern kampflos aus Verkehrsmitteln werfen lasse, dachte ich: Wenn die Schönen und Reichen das können, kann ich das auch.
Also ließ ich zwei Dinge machen:
Nummer eins: Hängebäckchen.
Schon dieses Wort ist eine persönliche Beleidigung. Hängebäckchen. Als hätte man im Gesicht zwei heimliche Taschen montiert, in denen die Schwerkraft ihre Einkäufe verstaut.
Die Ärztin empfahl eine Fettwegspritze. Der neueste Trend, unkompliziert und in nur zwei Tagen sei die Schwellung weitgehend weg. Ein paar grüne Scheine wechselten den Besitzer und ich dachte: Gut. Geld gegen Kontur. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Kurz nach Verlassen der Praxis huschte ich in mein Auto, weil ich aussah, als hätte jemand entlang meiner Jawline zwei Schwimmnudeln implantiert.
In jeder Epoche gab es Schönheitsideale. Rubens-Frauen, Wespentaillen, Porzellanteint. Aber Schwimmnudeln entlang der Jawline gehörten meines Wissens nie dazu.
Tag zwei: Hamster.
Tag drei: Hamster mit Rücklagen.
Tag vier: immer noch Hamster.
Ich schrieb der Ärztin. Sie erklärte mir, bei älteren Menschen könne es etwas länger dauern, bis der Körper das Mittel abgebaut habe.
Das muss man sich einmal vorstellen: Du bezahlst mehrere Hundert Euro, weil du jünger aussehen möchtest, und bekommst als medizinische Rückmeldung: Liegt am Alter.
Irgendwann ging die Schwellung tatsächlich zurück. Das Ergebnis war nett. Wirklich nett. Leider ungefähr so nachhaltig wie eine Diät über Weihnachten.
Nach einer Weile waren meine Hängebäckchen wieder da. Offenbar hatten sie nur Urlaub.
Ein vernünftiger Mensch hätte an dieser Stelle gesagt: Lass es.
Ich sagte: Laser.
Kollagenaufbau. Regeneration. Straffung. Wörter, bei denen Frauen offenbar bereit sind, schlechte Entscheidungen zu treffen.
Das Gerät war ungefähr einen mal einen Zentimeter groß und hatte dicke Nadeln, die ins Gewebe getackert wurden. Von der Stirn bis einschließlich Hals.
„Das tut nicht sonderlich weh“, versicherte mir die Dermatologin. Eine junge hübsche Dermatologin wohlgemerkt.
Ich bekam Betäubungscreme. Dann ging es los.
Tack. Tack. Tack.
Dreimal pro Stelle.
Ein handelsüblicher Tacker aus dem Baumarkt hätte sich vermutlich kaum brutaler angefühlt, wäre aber deutlich günstiger gewesen.
Mit jedem Tackern verschob sich meine Gedankenwelt. Erst dachte ich noch: Hoffentlich lohnt sich das. Dann: Wie lange dauert das noch? Und irgendwann überlegte ich, wie viele Jahre man wegen Mordes an einer Ärztin bekommt und ob sich das für eine straffere Jawline noch rechnet.
Danach hieß es: Das Ergebnis entwickle sich langsam. Nach ungefähr sechs Monaten sehe man die volle Wirkung.
Diese sechs Monate sind längst vorbei.
Ich nehme an, die Wirkung hat an der falschen Haustür geklingelt.
Vielleicht sitzt irgendwo eine fremde Frau morgens vor ihrem Spiegel und denkt: Merkwürdig. Mein Hals sieht heute aber gut aus.
Bitte. Gern geschehen, hat nur 750 Euro gekostet.
Was nehme ich also mit aus meinen kurzen Ausflügen in die ästhetische Medizin?
Zunächst einmal die Erkenntnis, dass auch Geld nicht jede Falte beeindruckt.
Und etwas anderes finde ich tatsächlich tröstlich: Es gibt kein Kleingedrucktes.
Nirgendwo stand bei meiner Geburt, Person A erhalte lebenslange Jugendgarantie. Keine Cellulite. Keine schlaffen Oberarme. Keine Gesichtspartien, die gerne ins Erdgeschoss umziehen wollen.
Uns wurde nichts davon versprochen.
Trotzdem benehmen wir uns manchmal, als hätte jemand Vertragsbruch begangen.
Ich finde Altern nicht reizvoll bei mir. Muss ich auch nicht. Ich werde vermutlich nie zu den Frauen gehören, die jede Falte „eine Geschichte“ nennen und dabei beseelt in die Kamera lächeln. Manche Falte ist keine Geschichte. Manche Falte ist einfach eine Falte und könnte meinetwegen wieder gehen.
Aber ich merke etwas anderes:
An Tagen, an denen ich mich gut fühle, sehe ich auch besser aus. Nicht jünger. Aber wacher, frecher, lebendiger. An diesen Tagen interessieren mich die Linien neben dem Mund deutlich weniger.
Es gibt Menschen, deren Alter man kaum einschätzen kann. Nicht, weil sie glattgebügelt sind, sondern weil etwas anderes zuerst den Raum betritt. Ihre Präsenz.
Robert Redford war für mich so ein Typ. Ewiger Sunnyboy. Natürlich ist auch er gealtert. Aber seine Ausstrahlung war stärker als jede Falte.
Vielleicht ist das der einzige Anti-Aging-Trick, an den ich inzwischen wirklich glaube.
Nicht jünger wirken. Lebendig wirken.
Ich bin 56. Die Jugendfahrkarte ist weg.
Dafür weiß ich heute sehr viel besser, was ich will, was ich nicht mehr will und wofür ich definitiv keine Betäubungscreme mehr akzeptiere.
Gesund sein, lachen können, Pläne haben, neugierig bleiben, sich auf etwas freuen und Menschen haben, mit denen man über den eigenen Verfall lachen kann, ist wahrscheinlich die bessere Kosmetik.
Die Besenreiser dürfen trotzdem gern aufhören, Afrika nachzubauen.
Man muss es mit der Reife ja nicht übertreiben.