Von Putzfeen und gesellschaftlichen Werten
Eine Epoche verabschiedet sich
Alexandra
9/4/20264 min read


Meine Putzfee hört auf.
Wöchentlich zwei Stunden, fünf Wochen Urlaub im Jahr, angemeldet, versichert. Leider verabschiedet sich trotzdem diese kleine Epoche meines Lebens.
Bevor jetzt jemand reflexartig fragt, warum ein Mensch ohne Kinder und ohne Hund, Katze, Maus überhaupt eine Putzfee braucht: Weil ich Ordnungs- und Sauberkeitsfanatikerin bin, nur leider nicht so sehr, dass ich sie selbst herstellen möchte.
Auf gut Deutsch: Ich bin gnadenlos faul, wenn es um Putzen geht.
Seit fast dreißig Jahren gönne ich mir diesen Luxus. Wenn ich aus Geschäftsreisen nach Hause gekommen bin, habe ich mich gefreut, wenn ich die Tür aufgeschlossen habe. Alles pico bello. Mein Badezimmer wie im Hotel.
Meine jetzige Putzfee werde ich deshalb wirklich vermissen. Sie war zuverlässig. Kam, wenn sie sagte, dass sie kommt. Sagte Bescheid, wenn etwas war. Und ich hätte ihr vermutlich meine EC-Karte samt PIN auf den Küchentisch legen können, ohne unruhig zu schlafen.
Klingt vielleicht banal, war mir aber wichtig.
Ich hatte in den vergangenen dreißig Jahren ungefähr zehn Damen, und dadurch unfreiwillig auch einen kleinen Feldversuch über Arbeitsmoral, Kommunikation und die kreative Auslegung von Uhrzeiten.
Eine davon traf ich einmal zufällig an der Tankstelle. Zu einem Zeitpunkt, an dem sie laut unserer Vereinbarung eigentlich noch bei mir hätte sein müssen. Also drehte ich um und stellte sie zur Rede. Nicht zuletzt, weil die letzten Wochen ihre Leistung zu wünschen übrig lies. Ich fragte vorsichtig nach, ob sie heute früher müsste.
Ihre Erklärung war beeindruckend: Wenn sie die Arbeit statt in zwei Stunden in einer Stunde erledige, habe sie schließlich den doppelten Stundenlohn.
Mathematisch einwandfrei.
Nach dieser Logik müsste ich allerdings auch beim Friseur den halben Preis bezahlen, wenn meine Haare besonders kooperativ herumliegen. Sie erklärte mir anschließend noch, dass schließlich das Ergebnis zähle. Sie könne sich natürlich auch absichtlich doppelt so lange Zeit lassen. Wow. Wieso hatte ich jetzt ein schlechtes Gewissen?
Wegen einer Viertelstunde hätte ich niemals angefangen, eine Stechuhr neben die Kaffeemaschine zu hängen. Wenn jemand seine Arbeit gut macht, vertraue ich darauf, dass wir beide erwachsene Menschen sind.
Blöd wird es erst, wenn du anschließend das Gefühl bekommst, du müsstest dich dafür entschuldigen, dass überhaupt jemand bei dir arbeiten muss. Mit Anmeldung, bezahltem Urlaub. Berufsgenossenschaft, Steuerberater und allem, was dazugehört.
Andere Damen nahmen es mit der Pünktlichkeit etwas großzügiger.
„Ich komme um zehn.“ Für mich ist das eine relativ konkrete Information. Ich erkenne darin weder ein Zeitfenster noch einen Näherungswert.
Wenn dann um 13.30 Uhr die Nachricht kommt, man sei leider aufgehalten worden, geraten in meinem Kopf mehrere Dimensionen durcheinander. Es kann immer was dazwischen kommen.
Aber dreieinhalb Stunden nach einem Termin mitzuteilen, dass man ihn nicht einhalten kann, ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr am nächsten Morgen anrufen und fragen, ob es noch brennt.
Schwamm drüber, neue Suche über Kleinanzeigen.
Ich wollte es ordentlich machen. Keine dieser Anzeigen mit „Suche nette zuverlässige Putzfee, Näheres PN“, woraufhin beide Seiten siebenundzwanzig Nachrichten austauschen müssen, um herauszufinden, ob Regensburg möglicherweise in Schleswig-Holstein liegt.
Also schrieb ich hinein, was ich selbst wissen wollen würde und beantwortete in der Anzeige ALLE W-Fragen: Wo. Wie oft. Wie lange. Was bezahlt wird. Plus angemeldete Beschäftigung, Urlaub und Versicherungsschutz. Parkplatz vor dem Haus.
Ich hielt das für Informationen, aber offenbar hatte ich damit ein Quiz erstellt.
Vierzehn Zuschriften kamen. Eine bestand im Wesentlichen aus dem Wort: „Indressirt.“ Damit war zumindest die Interessenslage geklärt.
Andere schickten mir ganze Fragenkataloge. Ich las meine eigene Anzeige nochmal durch und begann kurz an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Vielleicht war der Text nur für mich sichtbar. Eine Art personalisierte Kleinanzeigen-Halluzination.
Eine Interessentin wollte wissen, ob ihr Mann und ihr Kind während der Arbeitszeit mitkommen könnten. Zum Mittagessen.
Ich überprüfte vorsichtshalber noch einmal meine Anzeige. Ich hatte tatsächlich eine Haushaltshilfe gesucht und keine Gastfamilie.
Den vorläufigen Höhepunkt lieferte ein Herr Mitte sechzig, der mir sinngemäß mitteilte, er könne neben dem Putzen noch weitere Vorzüge anbieten.
Welche das waren, möchte ich nicht vertiefen.
Am Ende blieben zwei Frauen übrig, mit denen sich eine völlig gewöhnliche menschliche Kommunikation führen ließ. Was mittlerweile bereits ein Auswahlkriterium zu sein scheint.
Mit der einen wollte ich telefonieren und lernte dann Ghosting kennen. Die andere kam pünktlich, wir tranken einen Kaffee und vereinbarten einen Termin zum „Kennenlernputzen.“ Man zeigt einander erst einmal unverbindlich die Kalkränder und schaut, ob die Chemie stimmt. Happy End.
Dann machte ich einen Fehler: Statt die Anzeige einfach kommentarlos zu löschen, schrieb ich den übrigen Interessenten, dass ich inzwischen jemanden gefunden hätte, und bedankte mich für ihr Interesse.
Ich dachte, damit sei die Sache erledigt.
Was ich bekam, waren unter anderem Beschimpfungen, Unterstellungen und Zweifel daran, dass ich tatsächlich jemanden gefunden hätte.
Und spätestens da hatte die Geschichte für mich gar nichts mehr mit Putzen zu tun.
Sie war plötzlich ein ziemlich gutes kleines Spiegelbild unserer Gesellschaft. Wir reden pausenlos über Wertschätzung und Respekt.
Ein freundliches „Danke, ich habe inzwischen jemanden gefunden“ wird mittlerweile als persönlicher Angriff auf die eigene Menschenwürde zu interpretiert.
Augenhöhe bedeutet für mich gerade nicht, dass einer dienen und der andere befehlen soll. Augenhöhe bedeutet, dass beide Seiten sich anständig benehmen dürfen. Freundlichkeit kostet nichts.
Es gab immer schon unhöfliche Menschen, Spinner und Leute, die Bedienungsanleitungen grundsätzlich erst nach der Explosion gelesen haben.
Ich glaube nicht an die romantische Vergangenheit, in der jeder pünktlich war, Kinder Senioren über die Straße führten und der Briefträger noch zum Kaffee blieb.
Aber ich frage mich schon, wann aus Freiheit gelegentlich die Vorstellung geworden ist, dass die eigene Befindlichkeit automatisch wichtiger sei als jede Vereinbarung.
Meine Putzfee jedenfalls wird mir fehlen. Vor allem wegen etwas, das viel weniger spektakulär klingt und inzwischen vielleicht der größere Luxus geworden ist: Man konnte sich auf sie verlassen und sie ist ein großartiger Mensch.